Elisabeth Steiner

Carlos Kleiber e.V. Kunst- und Kulturförderverein

STECKE DIR HOHE ZIELE UND RUHE NICHT, BIS DU SIE ERREICHT HAST!

ELISABETH STEINER

1935 - 2006

Elisabeth Steiner singt Hector Berlioz´

Villanelle / Ländliches Lied

Elisabeth Steiner singt Jaques Offenbach

Orpheus in der Unterwelt - Eurydike

Elisabeth Steiner singt Johannes Brahms

Schwesterlein

Die Mezzosopranistin Elisabeth Steiner (1935 – 2006)

 

Selten stand das Können und die Bühnenausstrahlung einer Sängerin in einem derartig krassen Missverhältnis zu ihrem Platz im öffentlichen Gedächtnis wie bei der Kammersängerin Elisabeth Steiner. Doch warum? Ein Blick auf ihr Leben und Wirken kann eine Erklärung dafür bieten.

 

Elisabeth Steiner wurde am 17. März 1935 in Berlin geboren. Nach ihrem Abitur im Jahre 1954 bestand sie die Aufnahmeprüfung an der Berliner Musikhochschule. Sie wollte Pianistin werden, belegte aber als weiteres Fach den Gesang. Nach 4 Semestern wurde sie von ihrer Gesangsdozentin Frida Leider überzeugt, sich ganz auf ihre Stimme zu konzentrieren. Und das tat sie derartig überzeugend, dass sie ein Stipendium der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ bekam und noch als Studentin im Februar 1959 zu einem Konzert für besonders talentierte Nachwuchskünstler in das Landesfunkhaus Niedersachsen eingeladen wurde.

 

Während ihres letzten Studienjahres wurde Elisabeth Steiner bereits von der Deutschen Oper Berlin für die tragende Rolle der „Schwester Wanda“ in Boris Blachers „Rosamunde Floris“ engagiert. Dort hörte sie der Opernintendant Rolf Liebermann und engagierte sie 1961 an die Hamburgische Staatsoper.

 

Eine Blitzkarriere, die ohne den üblichen Umweg über die Provinzbühnen gleich an ein großes Haus führte, welches damals gerade seine Blütezeit erlebte! Aber dabei blieb es nicht. Sie avancierte schnell zu einem Publikumsliebling und debutierte noch im selben Jahr an den Bayreuther und Salzburger Festspielen.

 

Die Presse war sich einig, dass die Staatsoper eine neue, große Sängerin in ihr Ensemble aufgenommen hatte. Das „Hamburger Abendlatt“ schrieb nach ihrem Debut als „Niklaus“ in „Hoffmanns Erzählungen“: „Elisabeth Steiner eroberte sich mit Spiel, Erscheinung und Gesang sofort die Herzen.“

 

Während Elisabeth Steiners Anfangsjahre in Hamburg gastierte die Staatsoper des öfteren in Kopenhagen. Dabei überschlugen sich die dänischen Zeitungen mit Lobeshymnen über sie und Hamburg wurde immer häufiger von ihren dänischen Bewunderern besucht, die sie live auf der Bühne sehen wollten. Das „Hamburger Abendblatt“ konstatierte, dass sie die beste Botschafterin Deutschlands in Dänemark wäre, was zu jener Zeit – weniger als 20 Jahre nach der deutschen Besetzung des Landes im 2. Weltkrieg – eine beachtliche Bedeutung besaß. In einer Kritik der dänischen Zeitung „Berlinske Tidende“ hieß es im Oktober 1963: „Von dem Augenblick, an dem sie die Bühne betrat, nahm sie von Bühne und Publikum Besitz.“ – und weiter: „Elisabeth Steiner, die bezaubernde Mezzosopranistin der Hamburger Staatsoper, betäubt in jeder Hinsicht. Wenn eine Frau als sensationell genannt werden sollte, so ist es sie!“

 

In den folgenden Jahren sang sich Elisabeth Steiner durch das typische Repertoire eines lyrischen Mezzosoprans. Und sie tat es mit dem Selbstverständnis eines Ensemblemitglieds, d.h. vollkommen unprätentiös. Sie nahm Nebenrollen genauso ernst wie Hauptrollen und leitete aus ihrem Können und ihren hervorragenden Kritiken keinen Anspruch auf eine besondere Behandlung ab. Jeder, der das Innenleben eines Opernhauses näher kennt, weiß, dass eine solche Haltung zwar vorbildlich, leider aber alles andere als selbstverständlich ist.

 

Es war eine Zeit, in der die Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsender ihrem kulturellen Auftrag noch mit Opernverfilmungen nachkamen. Im Zuge dessen gab es einige Kooperationen zwischen dem Norddeutschen Rundfunk und der Hamburgischen Staatsoper. Und in einigen davon war Elisabeth Steiner mit tragenden Rollen vertreten.

 

Sie war beileibe keine Sängerin, die sich nur auf die klassisch-romantische Epoche beschränkte. Sie galt sogar als eine Spezialistin für die Musik des 20. Jahrhunderts und daher war die Hamburgische Staatsoper zu jener Zeit genau der richtige Ort für sie. Rolf Liebermann gab dem Haus durch einige Kompositionsaufträge ein modernes Gesicht, was auch durch die Mehrzahl der Inszenierungen unterstrichen wurde. Der Spielplan vereinigte die großen Meisterwerke der Vergangenheit mit möglichen Meisterwerken der Gegenwart. Und das spiegelte sich in Elisabeth Steiners umfangreichen Repertoire wieder.

 

Neben ihrer Arbeit an der Staatsoper widmete sie sich ihrem Lied-Repertoire, das sie bereits seit ihrer Studienzeit pflegte. Dabei spielte die Musik des 20. Jahrhunderts durchaus eine Rolle, vor allem in der Zeit, als sie mit dem Komponisten und Pianisten Aribert Reimann zusammenarbeitete. Doch letztlich überwog ihre Liebe zu den großen romantischen Lied-Komponisten, allen voran Johannes Brahms.

 

Nun stellt sich die Frage, warum eine derartig schöne Stimme, die zusammen mit einem blendenden Aussehen und szenischem Können eine überragende Bühnenpräsenz ergab, nicht in eine ganz große Karriere mündete? Warum sie heutzutage fast der Vergessenheit anheim gefallen ist?

 

Darauf gibt es mehrere Antworten und die erste liegt in der Natur ihres Stimmfachs. Die ganz großen Karrieren werden in der Regel von Sopranistinnen und Tenören gemacht. Die anderen Stimmgattungen stehen de facto in deren Schatten, was sich auch in der Breite ihres Repertoires wiederspiegelt. Mezzosopranistinnen – das sind die typischen Nebenrollen oder die Hosenrollen oder die Rivalinnen, die am Ende den reinen, edlen Sopranistinnen unterliegen. Selbst die populären Mezzo-Partien von Rossini wie die der „Rosina“ im „Barbier“ können sie nicht für sich als exklusiv verbuchen, da ihnen diese von den Sopranistinnen durch simples Transponieren streitig gemacht werden. Und das, obwohl Rossini meinte, dass der Mezzo – Zitat – „der Natur einer italienischen Frau entspräche“. Folglich bleiben am Ende vor allem die Repertoire-Leuchttürme des bereits erklungenen „Cherubino“, der „Carmen“, des „Hänsels“, der „Mignon“, des „Orlofskys“ in der „Fledermaus“ und des „Octavian“ im „Rosenkavalier“. Daneben kann ein Mezzosopran zwar auf ein breites Lied-Repertoire blicken, aber diese Kunstgattung führte schon immer ein Schattendasein in der öffentlichen Wahrnehmung.

 

Der Anlauf zu einer großen Karriere bedeutet also wegen der nicht sehr ausgeprägten Publikumswirksamkeit des Repertoires ein Risiko, das noch unberechenbarer wird, weil man dabei den sicheren Hafen eines festen Engagements verlassen muss, um die Hoheit über seinen Terminkalender zu besitzen. Elisabeth Steiner entschied sich wie fast alle Mezzosopranistinnen für die Sicherheit. Aber das war nur ein Grund unter mehreren.

 

Der zweite bestand darin, dass sie sich zu sehr in den Dienst der Musik stellte, als dass sie die für eine große Karriere förderlichen Star-Allüren mit all ihren auf Äußerlichkeiten beruhenden Manirismen verkörpern wollte. Ihr Bühnenspiel hatte etwas Stück-Dienliches an sich, das das Publikum einerseits fesselte, das aber jeden Bezug auf die eigene Person – also die Person hinter der Rolle – vermied. Sie war zu intelligent und als Sängerin und fortgeschrittene Pianistin zu musikalisch, um eine Rolle zu einer Zurschaustellung der eigenen Leistungsfähigkeit zu missbrauchen – wie es viele bekannte Diven taten und leider immer noch tun. Und wenn man sie in einer ihrer Paraderollen der „Carmen“ sah, dann agierte auf der Bühne die „Carmen“ und nicht Elisabeth Steiner, die eine „Carmen“ verkörperte.

 

Neben diesen künstlerischen Aspekten war sie zu selbstbestimmt, um sich einer Künstleragentur anzuvertrauen. Die vielen Gastspiele, die sie im gesamten deutschsprachigen und europäischen Raum gab, managte sie größtenteils selbst. Ein unter herausragenden Sängern und Sängerinnen höchst ungewöhnlicher Umstand, der aber auch dazu führte, dass sie mit den sich daraus ergebenden Karriere-Einschränkungen leben musste. Dennoch gastierte sie an den renommierten Opernhäusern in Venedig, Wien, Mailand und Madrid mit großen Rollen. In diesem Kontext seien auch die Gastspiele der Staatsoper in Tokyo, Moskau und an der New Yorker Met erwähnt, an denen sie teilnahm.

 

In ihrer Freizeit genoss sie das Leben mit ihrer Familie. Sie wohnte in einem kleinen Dorf im Norden Hamburgs, wodurch sie ihr Privatleben von der Öffentlichkeit effektiv abschirmte. Trotzdem wurde sie weiterhin von Presse und Publikum gefeiert und avancierte zu einem Aushängeschild der Staatsoper. Als Konsequenz wurde sie 1973 vom Hamburger Senat zur Kammersängerin ernannt. Daneben bot man ihr mehrfach an, Professuren zu übernehmen, was sie aber ablehnte.

 

Noch einmal muss die Karriere-Planung der Elisabeth Steiner angesprochen werden und dieses Mal geht es um den schwerwiegendsten Aspekt, der ihr gesamtes Leben beeinträchtigte: Sie litt unter einer chronischen Stimmband-Allergie. Schon ab ihrer Studienzeit wurde ihr dagegen jährlich Kortison in Depot-Dosierungen verabreicht. Später erhielt sie vor schwierigen Partien oder bei Anzeichen von allergischen Symptomen zusätzliche Dosierungen. Kaum zu glauben, dass sie damit eine erfolgreiche Karriere durchhalten konnte und ihrer Profession mit Eifer und Disziplin nachging, denn natürlich verursachte die jahrzehntelange Kortison-Einnahme beträchtliche Nebenwirkungen. – Mit dieser Krankheit und ihrer Medikation begibt man sich nicht in eine Risikozone und strebt eine große, freiberufliche Karriere an. Damit geht man auf „Nummer-Sicher“ und wählt den Schutzschirm eines festen Engagements.

Je länger Elisabeth Steiner mit ihrer Allergie leben musste, desto schwerer fiel es ihr, am Singen noch Freude zu empfinden. Die Jahrzehnte der Kortison-Medikationen zeigten mehr als nur Nebenwirkungen und immer häufiger musste sie aus diesem Grund Vorstellungen und Gastspiele kurzfristig absagen, was ein nachlassendes Interesse an ihrem Mitwirken nach sich zog. In der Staatsoper hatte sie nach 30 Jahren der Zugehörigkeit alle Paraderollen ihres Stimmfachs gesungen und so rückte sie auf den Besetzungslisten nach und nach in die zweite Reihe. Sie hätte das ruhigere Berufsleben genießen und in ihrem Familienleben aufgehen können. Jedoch – das tat sie nicht.

 

Stattdessen nahm sie Orgelunterricht! In der Katholischen Kirchengemeinde ihres Nachbarortes Elmshorn, in der sie zuvor als gläubige Christin regelmäßig die Gottesdienste besucht hatte, bestand ein Mangel an Organisten und so entschloss sie sich zu helfen. Ausgerechnet auf diesem Gebiet, das sich so unglamourös wie kein zweites musikalisches Betätigungsfeld darstellt, fand sie ihre nächste Aufgabe. Dabei zeigte sie sich als Orgelschülerin genauso ungeduldig und perfektionistisch veranlagt wie als Sängerin. Und wenn sie an kirchlichen Feiertagen ein Lied oder eine Arie vortrug, verriet ihre große Konzentration, wie ernst sie die Aufgabe nahm.

 

An der Staatsoper sang sie ihre letzte Vorstellung als Flora in „La Traviata“ am 25. Februar 2000. Sie war 39 Jahre lang deren Ensemblemitglied gewesen! Doch ein ruhiges Rentnerdasein war ihr nicht vergönnt. Ein Jahr später erkrankte sie an Leukämie und die Ärzte vermuteten, dass deren Ursache in der jahrzehntelangen Kortison-Behandlung zu finden wäre. Sie wurde in der Folgezeit von ihrem Ehemann gepflegt und verstarb nach fünf schweren Krankheitsjahren am 29. November 2006.

 

Autor: Klaus-J. Rathjens

Dieser Text ist das Manuskript einer Sendung, die in der Reihe „Historische Aufnahmen“ am 23. Oktober 2016 im Deutschlandfung gesendet wurde.

 

 

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