Das unfaire Geschäft mit ostdeutschen Musikern

Carlos Kleiber e.V. Kunst- und Kulturförderverein

STECKE DIR HOHE ZIELE UND RUHE NICHT, BIS DU SIE ERREICHT HAST!

 

 

 

Das unfaire Geschäft mit osteuropäischen Musikern

 

Oder: Warum "Fair Trade" ein Beispiel für Tourneen und Festivals sein kann

 

 

"Was ist uns Musik wert?", fragt der Deutsche Musikrat in seinem jüngsten Grünbuch.

 

 

 

Auf die Frage, was uns ein Pfund Kaffee wert wäre, gibt uns neben den Preisschildern der Supermärkte auch die Initiative "Fair Trade" Auskunft, die auf die Bedingungen der Arbeiter in den Ursprungsländern hinweist und deren faire Bezahlung anmahnt.

Aber was hat Kaffee mit Musik auf Tourneen und Festivals zu tun?

 

Mit dem Ende des Kalten Krieges tat sich ein realer Blick auf das vorhandene West-Ost-Gefälle auf und lud Profitjäger dazu ein, die niedrigen Einkommensstandards der osteuropäischen Arbeiter für eigene Geschäftsmodelle auszunutzen. Wir kennen viele Beispiele aus der Industrie, aber nur den wenigsten ist es bewusst, dass Vergleichbares auch in der Musik Einzug gehalten hat.

Bis zur Mitte der neunziger Jahre wäre kein Tourneeunternehmer auf die Idee gekommen, für seine Produktionen ein großes Orchester zu engagieren. Der finanzielle Ruin wäre unausweichlich gewesen, denn die Musikergagen und die Kosten für Unterkunft, Proben und Reisen wären unbezahlbar gewesen.

Nach dem Fall der Mauer aber folgten clevere Kulturmanager dem Beispiel ihrer Kollegen aus der Industrie. Sie entdeckten, dass osteuropäische Musiker für Niedriggagen nebst billigsten Unterkünften engagiert werden konnten und dass es für sie keine gewerkschaftlich erstrittenen Arbeitszeitbegrenzungen gab - wie für ihre deutschen Kollegen. Während deren Proben nach zweieinhalb bis drei Stunden beendet werden mussten, konnte man mit den Musikern aus dem Osten ganztägig proben und damit viel Zeit und Geld sparen.

 

Angesichts dieser Umstände gründeten Tourneeunternehmer und Festival-Intendanten in Ländern wie der Ukraine und Belarus eigene Orchester oder schlossen Verträge mit bestehenden Ensembles ab. Danach wurden Marathonproben angesetzt, an deren Ende die mit heißer Nadel gestrickten Programme nach Deutschland gebracht wurden. Das ermöglichte ihnen die Realisierung von Produktionen wie die der „Carmina Burana" oder „Carmen", die wegen ihrer bereits erwähnten Kosten bis dato nicht auf Tournee zu sehen waren und die nunmehr statt eines finanziellen Ruins sogar Gewinne erwirtschafteten.

 

Mittlerweile gibt es osteuropäische Orchester, die nur in diesem Metier tätig sind und sich je nach Anforderungen unterschiedlich zusammensetzen. Von einem homogenen Klang und Zusammenspiel kann daher im Vergleich zu den etablierten, deutschen Orchestern nicht die Rede sein. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen künstlerisch verantwortungsvoll gehandelt wird. Die aber stellen leider sehr seltene Ausnahmen dar.

 

Neben den künstlerischen Aspekten erweisen sich auch die Lebensbedingungen besagter Musiker als höchst problematisch.

Sie kommen in ein reiches Land, sehen ein wohlsituiertes Publikum und bekommen doch nur indiskutable Niedriggagen. Sie gastieren in repräsentativen Konzertsälen und müssen zugleich grenzwertige Lebens- und Arbeitsbedingungen akzeptieren. Und die allermeisten von ihnen sprechen kein Wort Deutsch, so dass die sozio-kulturelle Isolation nahezu perfekt ist.

 

All das könnte auch das deutsche Publikum erkennen, wo immer es Gastspiele oder Festivals besuchte – wenn es denn wollte und sich weniger vom Ambiente täuschen ließe. Ich möchte die Leser ermuntern, ihren diesbezüglichen Blick zu schärfen, und es würde mich freuen, wenn Sie auch bei musikalischen Veranstaltungen an „Fair Trade“ denken würden und Ihre Konsequenzen daraus zögen. Eine davon könnte darin bestehen, das örtliche Stadttheater zu bevorzugen.

 

Doch damit endet die Misere nicht, denn auch für deutsche Musiker blieb diese Entwicklung nicht ohne Folgen, da sich die Billiglohn-Politik mittlerweile nicht nur auf die großen Veranstaltungen beschränkt. Auch die kleinen Events, die für viele deutsche Musiker eine notwendige Zusatzeinnahme darstellten, werden immer häufiger mit osteuropäischen Musikern besetzt und das zu Gagen, die für ihre deutschen Kollegen ein Abrutschen unter die Armutsgrenze bedeuten würde. Die Politik lässt diese Zustände geschehen und verteidigt ihre Passivität häufig damit, dass es positiv wäre, wenn das weite Feld der Kultur international besetzt wäre. De facto aber lässt sie es zu, dass sich das sogenannte künstlerische Prekariat in Deutschland immer weiter ausbreitet. Oder wie es eine Bundestagsabgeordnete bei ausgeschaltetem Mikrofon offenherzig zugab: „Die deutschen Künstler stellen bei ihrer geringen Quantität keine relevante Wählergruppierung dar. Dementsprechend finden sie auch bei politischen Überlegungen wenig Resonanz.“

 

 

Autor: Klaus-J. Rathjens

(Dieser Text ist das Manuskript einer gleichnamigen

Sendung im Deutschlandradio Kultur)

 

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