Der evangelische Kirchenmusiker

Carlos Kleiber e.V. Kunst- und Kulturförderverein

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Der evangelische Kirchenmusiker – eine Berufsgattung im Umbruch

 

 

 

Keine andere Musikgattung hat in den letzten Jahren eine derartig radikale Veränderung erlebt

wie die der Kirchenmusik. Die Gründe und die Konsequenzen sind komplex und weitreichend. Sie

alle differenziert zu benennen, würde den hiermit gegebenen Rahmen bei weitem sprengen.

Daher beziehen sich viele der nachfolgenden Aussagen auf generelle Entwicklungen und Tendenzen

und sollten nicht als pauschale, undifferenzierte Urteile interpretiert werden.

 

 

 

Woher kam die Kirchenmusik vor dem Umbruch?

 

Die Frage kann damit beantwortet werden, dass vor der SacroPop-Invasion eine recht verkrustete

Musikpraxis vorherrschend war. Das lag zum einen an deren übermächtigen Barock-Anteil, der vor

allem in J.S. Bach einen Monolithen des Genres hervorbrachte, den die meisten Kirchenmusiker

aber zum allzu dominanten Arbeitsmittelpunkt machten. Die klassische und romantische Epoche

fanden dagegen überwiegend in großen Konzerten Gehör, spielten aber wegen ihres geringeren

Repertoires in Gottediensten und Amtshandlungen (Trauungen, Taufen, Begräbnisse) eine geringe

Rolle. Und die Musik des 20. Jahrhunderts bereitete mit ihrer Suche nach neuen Wegen erhebliche

Probleme: Den Zuhörern beim Zuhören und den Interpreten beim Interpretieren, wobei vor allem

die Laiensänger/innen der Kirchenchöre überfordert waren. Damit fand diese Epoche eine noch

geringere Resonanz als in den Konzertsälen und Opernbühnen.

 

Komprimiert betrachtet drehte sich die Kirchenmusik vor dem Umbruch also um Bach und Barock und daneben – falls es sich um engagiertere Musiker handelte – um Reger und französische Orgelmusik, in Konzerten ergänzt durch klassische sowie romantische Messen und Oratorien. Das Repertoire war derartig typisiert, dass z.B. jede barocke Orgelmusik per se als Kirchenmusik klassifiziert wurde, obwohl es sich im Falle der großen Orgelwerke von Bach in realiter um Konzertstücke handelt, denn für den Gottesdienstgebrauch waren und sind sie schlichtweg zu lang.

Man kann also von einem eingegrenzten Kirchenmusik-Repertoire sprechen, das über Generationen von Musikern hinweg in etwa gleich blieb und damit als verkrustet bezeichnet werden darf. Dieser Umstand musste irgendwann Konsequenzen zeitigen.

 

 

 

Dann kam der Gospel

 

und nach ihm die Weltmusik und der sogenannte Sacro-Pop in Form neuer Kirchenlieder und Chorsätze.

Als in den achtziger Jahren die ersten Gospelchöre die kirchliche Szene betraten, schwang wegen ihrer Neuartigkeit noch etwas Revolutionäres mit. Man hörte sich die Darbietungen interessiert an, da sie einen völlig anders gearteten Farbtupfer in die kirchliche Musikwelt brachten. Als sich die Stilistik danach aber wie ein Buschfeuer verbreitete und sich komplette Kirchenchöre auflösten, um zu Gospelchören zu mutieren, hörte man etwas genauer hin und musste feststellen, dass es sich in den allermeisten Fällen um schlimmstes Epigonentum handelte. Der Gospel, die ureigene Musik einer diskriminierten und unterdrückten Ethnie, die in ihm ihren Glauben, ihren Zusammenhalt und ihre Hoffnung kraftvoll ausdrücken konnte, wurde von gutsituierten, weißen Deutschen fast bemitleidenswert schlecht imitiert. Und falls die Chöre dabei versuchten, ihre Euphorie durch rhythmische Bewegungschoreographien zu unterstreichen, gerieten die Versuche meistens zu unfreiwillig peinlichen Auftritten. Doch das tat der Begeisterung über die neue Stilistik keinen Abbruch. Im Gegenteil, damit waren die Türen geöffnet für weitere Repertoire-Ergänzungen. Es folgten Kirchenlieder aus dem Bereich der Weltmusik und solche, die neu komponiert wurden und durch eine gewisse Anlehnung an die Popularmusik charakterisiert werden konnten. Gemein war fast allen, dass sich eine Orgelbegleitung als nicht passend erwies. Folglich wurden die Kirchentüren für den vermehrten Einsatz von Klavieren, Keyboards, Gitarren und Schlagzeugen geöffnet, wobei vor allem letztere auf eine ihnen oft nicht wohl gesonnene Kirchenakustik trafen.

 

Über den musikalischen Wert der Weltmusik-Lieder zu debattieren, wäre nicht statthaft, da sie aus ihrem sozio-kulturellen Kontext gerissen und verpflanzt wurden, so dass unser Blick auf sie allzu eingeschränkt sein muss. Trotzdem lässt sich feststellen, dass viele von ihnen ihre Existenz im hiesigen kirchlichen Leben vor allem theologischen und Weltanschauungsgründen verdanken. Dagegen muss man der überwiegenden Mehrzahl der neuen Kirchenlieder, also des Sacro-Pops, eine derartig biedere musikalische Substanz attestieren, dass auch der Verweis auf den Text nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass wir es bei ihnen mit schlimmen, künstlerischen Sünden zu tun haben, die da heißen: Langeweile und Gesichtslosigkeit, gepaart mit naiver Inhaltlichkeit.

 

All das überrollte innerhalb von etwa 30 Jahren die klassischen Kirchenmusiker und es stellt sich die Frage, wer die treibende Kraft dahinter war, bzw. noch ist?

 

 

 

Die Positionen der geistlichen Amtsträger

 

Es gibt in der Tat viele Pastoren und weitere Amtsträger, die einer klassischen und generell ambitionierten Kirchenmusik sehr verbunden sind. Doch sie scheinen sich in der Defensive zu befinden. Ihre Amtsbrüder und -schwestern, die Pop & Co. präferieren, üben einen immer stärker werdenden Einfluss aus. Ihre Argumente lauten in etwa folgendermaßen:

 

  • An erster Stelle sollte die Verkündigung des Evangeliums stehen. Dagegen ist die Musik letztlich zweitrangig und lediglich ein Transportmittel der Texte.
  • Die Gemeinden sind in ihrer großen Mehrheit Pop-orientiert. Wenn wir weiterhin auf klassische Kirchenmusik setzten, wären unsere Gottesdienste in einigen Jahren leer.

 

Die erste Aussage ignoriert, dass viele Menschen z.B. Bachs „Messe in h-moll“ als einen genauso großen Gottesbeweis empfinden wie die gesamte Bibel und dass gerade Luther in der Musik eine notwendige Art der Verkündigung sah. Oder anders ausgedrückt: Man kann Verkündigung nicht mit einem gesprochenen Wort oder Text gleichsetzen. Auch Musik vermag selbiges zu tun und das sogar auf eine eindringlichere Art und Weise. Falls die Amtsträger dieses nicht zu erkennen vermögen, befindet sie sich und mit ihr auch die klassischen Kirchenmusiker in einer aussichtslosen Position, weil dadurch ihr Wert und damit der Wert der gesamten kirchenmusikalischen Arbeit in Frage gestellt oder banalisiert wird.

 

Die zweite Aussage berührt mehrere unterschiedliche Punkte:

Da gibt es zum einen die kirchlichen Aufgabenbereiche, zu denen neben allen Glaubensfragen und der Seelsorge auch die erzieherischen Aufgaben gehören. Selbige werden de facto in jeder Predigt und in jeder Konfirmandenstunde wahrgenommen. Man kann auch von einem Bildungsauftrag sprechen, dem die Kirche seit ihrer Gründung nachgekommen ist. Sollte er nicht auch für eine kirchenmusikalische Bildung gelten?

Daneben besitzt die Kirche eine große kulturhistorische Verantwortung. Wertvolle Kunstschätze wie Gemälde, Skulpturen und Altäre werden selbstverständlich gepflegt und wertgeschätzt. Wie aber sieht es mit der Musik aus, die ihr von Generationen an großen Komponisten häufig unter widrigen Umständen in den Schoß gelegt wurde?

 

Außerdem kann man konstatieren, dass sich die Kirchen in vielen Orten als alternative Konzertsäle etabliert haben, in denen das Dargebotene manchmal nur peripher geistlichen Kriterien gerecht wird. Aber jeder Konzertbesuch bedeutet zugleich den Eintritt in ein Kirchengebäude, dem eine Annäherung an das inhaltliche Gebäude der Kirche folgen könnte. Insofern sind auch solche Konzerte geeignet, Positives für Kirchen und Gemeinden zu leisten.

Und abschließend muss man fragen, wie es denn mit der Glaubensfestigkeit der Gemeinden bestellt ist, wenn sie sich durch eine ungeliebte klassische Musik von Gottesdienstbesuchen abhalten ließen?

 

 

 

Das eigentliche Dahinter

 

Es lässt sich also unschwer erkennen, dass die Pop-Befürworter noch etwas anderes leiten muss als nur die obigen zwei Thesen und das lässt sich zumeist in ihrer Vita und ihren generellen Anschauungen finden.

Seit der sogenannten „Achtundsechziger-Generation“ haben wir es mit einer Verschiebung des Kunst- und Kulturbegriffes und mit einem allmählichen Schrumpfen des sogenannten Bildungsbürgertums zu tun. Eine Entwicklung, die auch den Opern- und Konzertbetrieb empfindlich getroffen hat. Pastoren waren einst neben den anderen sogenannten Honoratioren ein integraler Bestandteil genau dieses Bildungsbürgertums, denen Bach & Co. genauso vertraut waren wie die Bibel und die Kunstepochen. Das hat sich seit den sogenannten „68-ern“ fundamental geändert. Ihre Ansätze waren – im vorliegenden Kontext betrachtet – eine Infragestellung aller Traditionen mit einer Prise Bildersturm und eine Ächtung der sogenannten Hochkultur als elitär oder gar bourgeois, worauf man ihr die schlichte, aber ehrlich-kraftvolle Stimme des Volkes entgegensetzen sollte. Diese Anschauungen gelangten nach und nach von dem einst studentischen Klientel über die Friedensbewegung und ökologisch orientierten Gruppierungen in die bürgerliche Gesellschaft, allen voran die Geisteswissenschaftler und Theologen. Und so gibt es heutzutage Vertreter dieser Berufsstände, die Bach gegen Bob Dylan und Orgel gegen Gitarre getauscht haben. Die Folge: Ein erstaunlich geringer Kenntnisstand der klassischen Musik und ein entsprechend distanziertes Verhältnis zu ihr.

 

Flankierende Thesen: Der emeritierte Theologieprofessor Friedrich W. Graf bezeichnet eine Parallelentwicklung auf rein theologischem Gebiet als „Entintellektualisierung“ der Kirche. Er bescheinigt ihr daneben starke Esoterik-Einflüsse und eine „Kuschelfrömmigkeit“, die seit den 68-er Jahren nach und nach Einzug gehalten hätten..

 

Es gibt noch einen zweiten Aspekt, der normalerweise nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wird, weil er die Berufsausübung vieler Pastoren betrifft.

Laut Kirchenmusikergesetz sind die Organisten und Kantoren für die Kirchenmusik und deren Gestaltung in ihren Gemeinden umfassend verantwortlich und zuständig. Aber genau das wird schon durch viele Stellenausschreibungen, in denen explizit darauf hingewiesen wird, dass man auch „moderne, zeitgemäße Popularmusik“ erwarte, und durch die tägliche Praxis in der Gestaltung von Gottesdiensten und Amtshandlungen konterkariert. Die Konsequenz ist eine Kompetenzverschiebung vom Kirchenmusiker zum geistlichen Amtsträger.

Ein weiterer Aspekt besteht darin, dass ein Musiker, der mit der inhaltlichen Autorität der klassischen Kirchenmusik arbeiten kann, per se ein größeres Gewicht in die Teamarbeit mit den geistlichen Amtsträgern einbringen kann als sein Kollege, der sich mit Pop befasst. Welche der beiden Möglichkeiten den Ambitionen einiger Amtsträger entgegenkommt, lässt sich vielerorts gut beobachten. Es geht also auch um Gestaltungshoheit, bzw. um die Durchsetzung hierarchischen Denkens.

 

 

 

Die materielle Seite der Medaille

 

Kirchenmusiker gehören zu den eher mäßig bezahlten Vertretern der Musiker-Gattung, wenn man berücksichtigt, wie umfangreich ihr Studium ist und wie lange und zersplittert ihre Arbeitstage ausfallen, zu denen auch die Wochenenden und Feiertage gehören. Aber das ist nur eine oberflächliche Sicht auf die Medaille.

Viele Gemeinden sind mittlerweile dazu übergegangen, das Gehalt ihrer Stellen prozentual herabzustufen. Auf 70% oder gar 50% gekürzte Gehälter sind dabei nicht unüblich. Das bedeutet für einen Berufsanfänger mit einer B-Qualifikation, die einem Bachelor entspricht und für kleinere bis mittelgroße Städte gedacht ist, dass sich sein Gehalt bedenklich den sogenannten „Hartz 4“-Bezügen nähert!

 

Noch unglaublicher wird die Situation bei den sogenannten Vertretungshonoraren. Für einen Gottesdienst bietet die Kirche je nach Region etwa 30,- bis 35,- € inclusive aller Vorbereitungen und Fahrkosten. Die Katholische Kirche kann das in einigen ihrer Gemeinden mit vergüteten 8,- € souverän unterbieten.

Hierbei muss man berücksichtigen, dass Vertretungen nicht ausschließlich mit Aushilfen gleichzusetzen sind. Sie definieren vielmehr den Status eines nicht fest angestellten Musikers, der generell deutlich schlechter entlohnt wird als sein angestellter Kollege. Leider nutzen einige Gemeinden diese Diskrepanz aus und bieten generell keine Festanstellungen mehr an, sondern operieren nur noch mit Vertretungen, auch wenn es sich dabei um verkappte Anstellungen handelt.

 

Nun könnte man fragen, wieso sich die Kirchenmusiker nicht solidarisieren und für fairere Entlohnungen kämpfen? Die Gründe für ein Ausbleiben derartiger Bemühungen lassen sich in zwei Punkten zusammenfassen:

Zum einen besitzen die Kirchen als Arbeitgeber einen Sonderstatus. Sie verknüpfen ihre Gehälter mit denen des öffentlichen Dienstes. Ob die damit gekoppelten Lohnstufen tatsächlich vergleichbar sind, wird nicht in paritätisch zusammengesetzten Lohnfindungsrunden festgelegt, sondern administrativ verfügt. Und dagegen können sich die Musiker nicht wirkungsvoll wehren, weil sie kein Streikrecht besitzen.

 

Das wird ihnen jedenfalls von der Kirche mit Verweis auf ihr Kirchenrecht vermittelt. Dagegen hat das Bundesarbeitsgericht auch kirchlichen Mitarbeitern das Streikrecht zugestanden, wenn es im gewerkschaftlichen Sinn organisiert ist. Allerdings hat das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil vom 15. Juli 2015 besagtes Streikverbot wiederum gestärkt. Nach Auskunft der Gewerkschaft VER.DI wäre ein Streik trotzdem legitim, müsste sich aber auf einem gewerkschaftlich organisierten Fundament bewegen.

 

Der zweite Punkt dieses Themas betrifft ein überwiegendes Charakteristikum vieler Kirchenmusiker. Sie arbeiten in ihrem Beruf in der Regel als „Einzelkämpfer“. Das hinterlässt bei Fragen der Solidarität oder Interessensvertretung seine Spuren. Eine engagiert oder gar kämpferisch agierende, solidarische Arbeitnehmervertretung kann man von ihnen kaum erwarten, während sie von kirchlicher Seite auch nicht sonderlich erwünscht ist.

 

Der gesamte Aspekt der Entlohnung lässt sich in etwa folgendermaßen zusammenfassen:

Der Gesamtbereich der Festlegung und Handhabung der Gehälter wird vom Verwaltungsbereich der Kirche getätigt und dieser handelt keinen Deut ethischer als der eines Industriekonzerns.

Und zum zweiten lassen sich die aktuellen Gehälter mit zwei Wörtern interpretieren: Fehlende Wertschätzung!

 

Oder entspricht es nicht vielmehr dem, was viele Musiker von unserer Gesellschaft immer wieder erfahren müssen? Sie werden zwar in Sonntagsreden und offiziellen Erklärungen offiziell wertgeschätzt, aber es wird in der Frage eines angemessenen Einkommens zugelassen, dass sich ein künstlerisches Prekariat immer weiter ausbreitet.

 

Wie begründet die Kirche ihre Lohnpolitik?

Meistens überhaupt nicht. Bei genauerem Nachfragen heißt es, dass man wegen der vielen Mitglieder-Austritte über immer weniger Geldmittel verfüge. Gemeinden müssten daher zusammengelegt und viele Pastorenstellen gestrichen werden. Gleichwohl sehen wir, dass die Katholische Kirche zum Teil ungeheure Summen auf ihren Bankkonten angehäuft hat. Wissen wir, dass die Evangelische Kirche zu den größten Grundstücks- und Immobilienbesitzern Deutschlands zählt. Und es lässt sich vielerorts beobachten, dass Verantwortliche lieber in Steine und in „Bleibendes“ investieren als in das Vergängliche einer fairen Entlohnung. Untermauert wird diese Praxis durch einen uralten, unguten Subtext, der vielen kirchlichen Handlungen anbeiwohnt, und der lautet:

Im Mittelpunkt unseres Tuns steht der Glaube und die Seelsorge, stehen ideelle und keinesfalls materielle Werte. Damit werden seit jeher unzählige Mitarbeiter von ihrer Ehrenamtlichkeit überzeugt und damit rückt man jeden höheren Gehaltsanspruch in eine quasi unmoralische Ecke.

 

 

 

Wie sich Künstlerisches und Materielles trifft

 

Es sollte durch den letzten Abschnitt klar geworden sein, wie prekär sich die Gehaltsfrage darstellt. Das betrifft vor allem die mittelgroßen und kleineren Gemeinden. Viele davon finden mit ihren herabgestuften Stellenausschreibungen keine Bewerber mehr und müssen über längere Zeiträume mit Vakanzen leben. Und genau an diesem Punkt kommt der Sacro-Pop in´s Spiel. Für dessen Darbietung bedarf es keines akademisch ausgebildeten Musikers, das kann der örtliche Tanzmusiker oder Alleinunterhalter auch leidlich leisten. Man bietet ihm daher die Möglichkeit, sich mit der Leitung eines kirchlichen Popchores einen kleinen Nebenverdienst und eine Aufwertung seiner Reputation zu erwerben, und im Gegenzug bekommen die Gemeinden einen Musiker zum Spartarif.

 

Die Kirche reagierte darauf schon vor einigen Jahren mit Seminaren und Ausbildungen zum sogenannten C-Popularmusiker, d.h. Musiker für kleinere Gemeinden. Sie engagierte professionelle Pop- und Jazzmusiker, die den C-Kandidaten das nötige Rüstzeug in Wochenendkursen nahebrachten. Das aber war erst der Anfang. Danach strebte sie selbiges auch für die B-Musiker an und trat mit den dafür zuständigen Musikhochschulen in Verbindung. Diese lehnten es ab, eine reine Popularausbildung anzubieten und so organisierte beispielsweise die Nordkirche einen eigenen B-Popular-Studiengang in Rendsburg. Deren Absolventen werden also in Zukunft auch in mittelgroßen Städten Festanstellungen finden können.

Was bedeutet das?

In früheren Zeiten war gerade für die kulturell nicht von Vielfalt gesegneten mittleren Orte und deren ländlichem Umfeld der Kirchenmusiker weit mehr als nur der Organist und Kantor. Er war vielmehr eine Anlaufstation, wenn es generell um klassische Musik ging. Er leitete nebenbei weltliche Chöre, unterrichtete Orgel- und Klavierspiel und organisierte Konzerte. Natürlich sind die Menschen heute mobiler und können dadurch entferntere kulturelle Angebote wahrnehmen. Natürlich gibt es heute städtische und private Musikschulen und vieles mehr, was den Kirchenmusiker seiner zentralen, kulturellen Stellung beraubt hat. Trotzdem stellt er immer noch eine der prägenden Säulen des örtlichen Musiklebens dar. Was aber geschieht, wenn sich seine Kompetenzen vor allem auf das Gebiet der Popularmusik beschränken? Die Frage dürfte einfach zu beantworten sein.

 

Fazit: Der Berufsstand des Kirchenmusikers hat mit zum Teil erheblichen künstlerischen und pekuniären Problemen zu kämpfen. Und das führt zu immer weiter sinkenden Zahlen der Studierenden. Falls diese eines Tages den Bedarf nicht mehr werden decken können, fände vermutlich ein kirchliches Umdenken statt. Aber noch ist der Leidensdruck nicht groß genug.

 

 

 

Persönliche Härtefälle

 

Gerade in der kirchenmusikalischen Transformationszeit gab es einige künstlerische Härtefälle. Die sie betreffenden Musiker waren einst durch die Inhaltlichkeit der Kirchenmusik fasziniert, studierten und übten den Beruf nach bestem Wissen jahrelang aus, bis sie die Popularisierung überrollte. Sei es, dass ihnen die Sänger/innen ihrer Kirchen- und Kinderchöre fernblieben, weil sie lieber Gospel oder Pop singen wollten. Oder sei es, dass junge Pastoren in die Gemeinden kamen und auf eine Neuausrichtung der Kirchenmusik bestanden. Den Betroffenen blieb nichts anderes übrig, als sich dem Druck zu beugen und sich mit den neuen Genres zu beschäftigen. Doch leider verfügten viele von ihnen über keinerlei Erfahrungen in den Popular-Bereichen und freies Spiel oder Improvisationen kannten sie nur im klassischen Kontext. Auch eine „Band“ als Ensembleform war ihnen unbekannt. Und je intensiver sie sich mit der neuen Materie auseinandersetzten, desto schwieriger schien ihnen diese zu sein, und am Ende empfanden sie manche sogar als ebenso anspruchsvoll wie die klassische Musik. Diese Beschreibung verdeutlicht den unerklärlichen Nimbus, den sich Popularmusik bei einigen Kirchenmusikern erworben hat. Ihnen sei gesagt: Sie ist kein Hexenwerk und deutlich einfacher und schneller zu erlernen als klassische Kirchenmusik. Es reicht in der Regel ein zwei- bis dreijähriges Mitwirken in einer guten Hobby-Popband, um den Klangkörper einer Band zu begreifen, um sich von Noten freizuspielen und diverse Popularstilistiken kennenzulernen. Natürlich wird man danach nicht wie ein Jazz- oder Rock- Virtuose spielen können, aber allemal gut genug für Sacro-Pop.

 

Fazit: In vielen Fällen stellte der vehemente Umbruch für die Kirchenmusiker eine Tragödie dar. Sie strebten während der Ausbildung nach beruflichen Inhalten, die später in der Praxis auf den Kopf gestellt wurden. Viele von ihnen mussten sich künstlerisch misshandelt fühlen, denn ambitionierte Musik ist weit mehr als nur das Produkt eines Lernens, dem bei derartigen Veränderungen eine simple Fortbildung nachgeschoben werden kann.

 

 

Die Diskrepanz zwischen Künstler und kirchlichem Mitarbeiter

 

Mit bewusster Böswilligkeit ließe sich also konstatieren:

Kirchenmusik soll nach dem Willen vieler geistlicher Amtsträger nicht nur Kirchenmusik sein. Sie soll zugleich ein Medium sein, das die Menschen in die Kirche lockt. Nach popmusikalischer Logik heißt das: Je näher man sich dem Massengeschmack nähert, desto besser. Wäre demnach eine zukünftige Ausbildung in „Bohlens Akademie für zeitgenössische Kirchenmusik“ nicht erfolgversprechender? Und wäre es nicht naheliegender, die Predigttexte nicht mehr der Bibel, sondern populärer Unterhaltungsliteratur wie z.B. „Harry Potter“ zu entnehmen?

 

Ein gutes Beispiel für den kirchlich praktizierten Populismus kann man mittlerweile bei sehr vielen Trauungen erleben. Kamen die Brautpaare in früheren Zeiten in die Kirche, um Bestandteil einer genau definierten, festlichen Zeremonie zu sein, gleicht selbige heute einem Wunschkonzert, in dem das Brautpaar die musikalische Gestaltung übernimmt, nicht der Kirchenmusiker. Dabei wird es immer gebräuchlicher, dass sogenannte Hochzeitssängerinnen engagiert werden, die mit mitleidserregendem Stimmvermögen seichte Pop-Schnulzen zu singen versuchen. Auf die Frage, ob er sie dabei begleiten könnte, entgegnet der Pop-unerfahrene Organist natürlich mit einem strikten „Nein“. Folglich lassen sich viele „Sängerinnen“ von den Halbplaybacks aus ihren Ghettoblastern begleiten. Nach der Zeremonie kann der Organist lediglich auf ein geleistetes Vor- und Nachspiel zurückblicken. Dafür erhält er im Vertretungsfall auch nur etwa ein Zehntel der Gage, die die „Sängerin“ verbuchen kann.

 

Das Beispiel verdeutlicht, wie weit sich der Berufsstand des Kirchenmusikers in einigen Bereichen von künstlerischen Kriterien entfernt hat. Und es verdeutlicht, dass es seitens der Kirche und ihrer Mitarbeiter nicht verinnerlicht wird, dass es sich bei ihm um einen Künstler handelt. Wenn ihm – wie es die gesamte, neuere Entwicklung aufzeigt – ein theologisches Verkündigungsprimat und der besagte Populismus wie künstlerische Fesseln angelegt werden, müssen der gesamte Berufsstand und die gesamte Kirchenmusik neu definiert werden.

 

Ein weiterer Aspekt:

Die kirchlichen Amtsträger und Pop-Befürworter sprechen von moderner Musik, meinen aber per se Popularmusik, als wenn es „moderne Klassik“ nicht gäbe. Ein Umstand, der zu Bachs Zeiten undenkbar war. Auch wenn er das Etikett des rückwärts gewandten Komponisten trägt, so schrieb er doch Woche für Woche neue Kantaten und bot dadurch den Gottesdienstbesuchern zeitgenössische Musik. Und die Zuhörer waren in der Lage, selbige zu goutieren oder ihr zumindest ohne Proteststürme zuzuhören. Doch im Laufe der Zeit entfernte sich das Verständnis der Zuhörer gegenüber der zeitgenössischen Musik immer mehr – wir erinnern uns an die Rezeptionen von Beethovens „Neunter“ bis hin zu Strawinkys „Sacre“. Im 20. Jahrhundert erreichten die Komponisten schließlich einen Stand, der von den meisten Zuhörern nicht mehr verstanden wurde. Die Distanz zwischen beiden Polen erwies sich als derartig groß, dass sie nur noch von ausgesprochenen Musik-Kennern überbrückt werden konnte. Von denen gibt es in den kirchlichen Laienchören zwar immer noch einige, jedoch meistens nicht in ausreichender Zahl, um die gesamten Chöre für zeitgenössische Klassik begeistern zu können. Wenn man zudem deren schwierige Ausführung berücksichtigt, nimmt es nicht wunder, dass sie im Repertoire der Chöre fast nicht existent ist. Und genau dieser Umstand lässt besagte Protagonisten quasi automatisch gen Pop blicken, wenn von moderner Musik die Rede ist.

 

Das wirft erneut die Forderung nach einer intensiven kirchenmusikalischen Bildungsarbeit auf und lässt zugleich fragen: Ist Sacro-Pop tatsächlich modern?

Harmonisch befindet er sich etwa dort, wo sich die Klassik im 17. Jahrhundert befand. Melodisch kann er in vielen Fällen mit schlichten Kinderliedern verglichen werden. Allein die rhythmische Komponente erscheint durch eine häufige, wenn auch meistens stereotype Verwendung von Synkopen etwas ausgeprägter.

Lässt sich das als modern bezeichnen? „Volkstümlich“ wäre die bessere Bezeichnung.

 

 

 

Wie kann eine bessere Popularmusik aussehen?

 

Zugegeben, die neuen Lieder und Chorwerke haben es schwer, weil sie – wie die gesamte neue Kirchenmusik – gegen einen Extrakt aus vielen vorangegangenen Jahrhunderten bestehen müssen. Den Weg durch dieses Qualitätssieb müssen sie noch erfogreich bestehen. Aber die Bezeichnung „Sacro-Pop“ könnte mehr als nur ein Etikett, sondern vielmehr ein Hinweis auf ein Metier sein, das durchaus Anlehnungspotential besitzt. Denn niemand wird abstreiten können, dass die Popgeschichte, deren Beginn man bei den ersten erfolgreichen Big Bands der Swing-Aera ansetzen kann, eine große Anzahl an hervorragenden Songs hervorgebracht hat. Mit diesen hat aber die biedere Kost unserer neuen Kirchenlieder absolut nichts zu tun. Zugleich stellen selbige ein Indiz dafür dar, dass sich die entscheidenden, sie auswählenden kirchlichen Gremien der wichtigsten Qualitätsmerkmale nicht bewusst waren. Oder dass sie der Musik an sich – wie bereits geschrieben – keinen allzu großen Wert beimaßen.

 

Der Kirche wäre aber dringend angeraten, den Ernst der Lage zu erfassen und geeignete Schritte zur Behebung der Misere zu unternehmen. Dabei wird sie nicht umhinkommen, besagte Auswahlgremien mit mehr oder mit kompetenteren musikalischen Experten zu besetzen. Sie wäre gut beraten, in einem Selektionsverfahren die Irrtümer der vergangenen Jahre zu entfernen und neues Material zu sichten oder in Auftrag zu geben. Und das ließe sich am besten durch Kompositionsaufträge an anerkannt gute, zeitgenössische Komponisten bewerkstelligen. Es wird dabei ein intensiver Diskurs unabdingbar sein, Stichworte: Umsetzung von modernen Kompositionsstilistiken in einem sakralen Kontext und Singbarkeit für Laienchöre. Die kirchlichen Gremien werden dafür nennenswerte Geldmittel zur Verfügung stellen müssen, denn wichtige Werke kann man nicht von Liebhaberkomponisten unter den Pastoren oder von Gelegenheitskomponisten unter den Kirchenmusikern erwarten. Aber der Ernst der momentanen Situation sollte den Aufwand rechtfertigen.

 

Und wie könnte sich ein überzeugender Sacro-Pop anhören?

Die überwiegende Mehrzahl der aktuellen Stücke ist gekennzeichnet durch ein unmissverständliches „Ein Bisschen“. Man hört ein bisschen Pop, ein wenig Klischee-Jazz oder Prisen von lateinamerikanischer Rhythmik. Daher stellen sich die bereits erwähnten Assoziationen von Gesichtslosigkeit und Langeweile ein. Nur nichts wagen, nur nicht auffallen, nur kein Risiko eingehen. Dass viele Stücke zudem mit kongenialen Texten versehen sind, macht die Sache noch unverdaulicher.

Daher: Dem Sacro-Pop würden genau die Kriterien guttun, die generell gute Popsongs auszeichnen. Darunter fallen vor allem die Elemente Originalität, melodische Qualität und Groove.

 

Dagegen – wie man es nicht machen sollte:

Man nehme eine sehr bekannte Pop-Nummer, z.B. das beliebte „Morning Has Broken“, verpasse ihr einen netten deutschen Text – fertig. Als Begründung gibt man an, dass schließlich auch Luther damaligen Gassenhauern einen geistlichen Text verpasste und sie dann in das kirchliche Leben verpflanzte. Aber man sollte sich dabei vor Augen führen, wie häufig die damaligen Menschen ihre Gassenhauer hören konnten und wie häufig wir durch die omnipräsente Popberieselung „Morning Has Broken“ ertragen müssen. Abgesehen davon, dass das Lied eine in Noten gesetzte Inkarnation besagter „Kuschelfrömmigkeit“ darstellt, will es partout nicht gelingen, den originalen, englischen Text zu verdrängen, nur weil ein deutscher erklingt. Luthers Methoden funktionieren eben nur bedingt in einer Welt, in der es vor lauter Pop kaum noch Orte der Stille gibt.

 

 

 

Worum geht es also?

 

Es geht darum, dass die Kirchenmusiker wieder ihre volle künstlerische Gestaltungsfreiheit bekommen und dass sie nicht zur Befriedigung des Massengeschmacks missbraucht werden;

dass die klassische Kirchenmusik nicht auf dem Altar eines Populismus geopfert wird;

dass die Kirchenmusik in einem vernünftigen und kreativen Maße durch zeitgenössische Musik ergänzt und vitalisiert wird, was natürlich eine Integration von Pop, Rock und Jazz mit Band beinhalten kann, wobei aber die modernere Klassik nicht ignoriert werden sollte;

dass aus dieser musikalischen Ergänzung oder Weiterentwicklung keine Verdrängung wird, wie sie momentan an vielen Orten schon zu beobachten ist;

dass sich die klassische Kirchenmusik nicht auf die Leuchttürme der großen A-Stellen in den urbanen Zentren konzentriert, während in der Provinz eine Verödung stattfindet;

dass sich die Kirche auch ihres musisch-kulturellen Erbes bewusst wird und es mit Verantwortungsbewusstsein behandelt und weiterreicht;

dass die Kirche ihren grundgesetzlich verbrieften Sonderstatus nicht dergestalt missbraucht, eine künstlerische Berufsgruppe, eine der ältesten der Musikgeschichte, unfair zu entlohnen.

 

Es geht um die Zukunft des Berufsstandes der Kirchenmusiker. Leider tragen sie selbst durch ein mangelndes Solidaritätsverständnis und eine de facto ausbleibende aktive Interessensvertretung dazu bei, dass die Zukunftsaussichten ihres Berufsstandes als nicht allzu positiv angesehen werden können.

 

 

 

 

 

Autor:

Klaus-J. Rathjens

(Dieser Text ist die Grundlage einer Sendung, die am 30.3.2015 vom Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt wurde)

 

St. Jacobi, Hamburg - Arp Schnitger Orgel

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